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Startschuss für Gründung eines interkommunalen medizinischen Versorgungszentrums (MVZ)

Veröffentlicht am: 02.04.2025

Die Gemeinden Schwalmtal und Brüggen gehen einen bedeutenden Schritt, um die medizinische Versorgung in der Region langfristig zu sichern: Die Gemeinderäte haben sich dafür ausgesprochen, alle notwendigen Schritte zur Gründung eines interkommunalen medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) einzuleiten.

Hintergrund dafür ist, dass die Gesellschafter des MVZ Hausärzte Schwalm-Nette perspektivisch in den Ruhestand gehen. Das MVZ betreut derzeit insgesamt rund 8500 Patientinnen und Patienten pro Quartal in einem oder mehreren Behandlungsterminen. Insgesamt liegt die Anzahl der vom MVZ behandelten Personen an den Standorten in Schwalmtal und Brüggen bei rund 16000.

Die Suche nach einer Nachfolgeregelung für das MVZ gestaltete sich schwierig. Über mehrere Jahre hinweg wurden umfangreiche Maßnahmen eingeleitet, um eine ärztliche Nachfolge zu finden. Bis zum Schluss war dies nicht gelungen. Allerdings wurde durch ein größeres, wirtschaftsorientiertes Unternehmen ein Übernahmeangebot unterbreitet, welches in seiner Ausrichtung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Abkehr von der bisherigen Betreuungsform hin zu verstärkter Telemedizin bedeutet hätte.

In teilweise interkommunal durchgeführten Arbeitskreissitzungen – die zu der Thematik seit Anfang 2023 stattfinden – wurde deutlich, dass ein Wegfall des Versorgungszentrums von den verbleibenden örtlichen Praxen nicht vollständig kompensiert werden könnte. Auch könnten bei einer Übernahme des MVZ durch das telemedizinorientierte Unternehmen, zumindest aus Sicht der Mehrheit der Arbeitsgruppenmitglieder, negative Folgen für eine große Zahl der - bislang vom MVZ versorgten - Patientinnen und Patienten nicht ausgeschlossen werden.

Dies sahen auch die Vertreterinnen und Vertreter des NRW-Gesundheitsministeriums, der KV Nordrhein, verschiedene Landesärztekammern sowie die beiden Experten, die die Räte juristisch und finanziell beraten haben, so.

Ein rein renditeorientiertes Unternehmen könnte die Qualität der Versorgung gefährden, indem beispielsweise Praxisräume reduziert, keine Hausbesuche mehr angeboten werden und die Vor-Ort-Betreuung abnimmt.
 
 
„Dies würde für alle Patientinnen und Patienten – aber vor allem für unsere älteren und pflegebedürftigen Mitbürgerinnen und Mitbürger – eine erhebliche Verschlechterung in der Qualität bedeuten“, betonen die Bürgermeister Frank Gellen (Brüggen) und Andreas Gisbertz (Schwalmtal). „Auch diese Einschätzung wird von anderen Institutionen wie dem Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales oder der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein geteilt“, so die Bürgermeister weiter.

„Damit standen wir vor der Entscheidung, ob wir die - auch von vielen fachkundigen Stellen geäußerte - Gefahr einer möglichen Verschlechterung der hausärztlichen Versorgung für viele tausend Menschen in Kauf nehmen können oder zur Abwehr möglicher Fehlentwicklungen zum Wohle der Bürgerschaft aktiv werden müssen“, berichten die Bürgermeister Gisbertz und Gellen.

In Gesprächen wurde außerdem deutlich, dass eine Übernahme des jetzigen MVZ durch die niedergelassenen Ärzte nicht angestrebt werde. Allerdings sahen die Vertreterinnen und Vertreter der örtlichen Praxen auch Probleme bei einer möglichen Wettbewerbsverzerrung, wenn beispielsweise von Kommunen höhere Löhne angeboten oder Defizite aus den Gemeindehaushalten getragen würden.

Deswegen haben sich die Gemeinden gemeinsam auf den Weg gemacht und in zahlreichen Arbeitskreissitzungen – gemeinsam mit der Politik sowie Expertinnen und Experten aus der Branche – die Optionen, Chancen und Risiken diskutiert.

Zur Diskussion im Arbeitskreis stand auch die Frage möglicher Förderungen: Beispielsweise hatte die Robert-Bosch-Stiftung für PORT-Leistungen (Patientenorientierte Zentren für Primär- und Langzeitversorgung) dem bestehenden MVZ bis 2024 Fördermittel zugesichert, welche jedoch derzeit ruhen. Im Falle der Gründung eines interkommunalen MVZ in Schwalmtal und Brüggen steht die Stiftung allerdings für Gespräche zur Wiederaufnahme der Förderung bereit.

Darüber hinaus hatten beide Gemeinden bereits im Dezember mit dem Konzept eines interkommunalen MVZ an einem Ausschreibungswettbewerb des Landesgesundheitsministeriums zur Gründung einer von zwei in NRW zu gründenden Gesundheitsregion teilgenommen. Damals wurden zwei andere Bewerber ausgewählt. Im Nachgang ging jedoch ein Schreiben des Gesundheitsministeriums ein, dass man gerne weitere Informationen zum eingereichten Konzept hätte, um möglicherweise andere Förderungen anbieten zu können.

Am 26. März 2025 und am 27. März 2025 haben die Gemeinderäte in jeweils eigener Sitzung mehrheitlich für die Übernahme als interkommunales MVZ gestimmt.

Jetzt gilt es, das weitere Vorgehen, wie das Einholen der Genehmigung der Kommunalaufsicht und die Wahl der besten Rechtsform abzustimmen. Auch wird weiterhin die erforderliche wirtschaftliche Expertise in den Prozess eingebunden.

„Keine am Entscheidungsprozess beteiligte Person hat sich die eigene Entscheidung leichtgemacht. Mit der Gründung eines interkommunalen medizinischen Versorgungszentrums sichern wir nicht nur die ärztliche Versorgung in der Region, sondern stellen sicher, dass diese auch in Zukunft wohnortnah, patientenorientiert und von hoher Qualität bleibt“, erklären die Bürgermeister. „Mit der kommunalen Trägerschaft haben wir die Kontrolle über das Leistungsangebot sowie die Praxisstandorte und bieten vor allem den 16000 Patientinnen und Patienten wie auch den Angestellten des bisherigen MVZ eine sichere Perspektive. Auch bekräftigen wir erneut das Angebot an alle örtlichen Arztpraxen, dass eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit und keine Konkurrenzsituation angestrebt wird. Denn jede einzelne Praxis in unseren Gemeinden ist für die hausärztliche Grundversorgung wichtig.